Verlorener Zwilling

Der verlorene Zwilling

Seit einigen Jahren rückt das Phänomen des verlorenen Zwillings mehr und mehr ins Bewusstsein von TherapeutInnen – insbesondere Pränatal-, Baby- und KörpertherapeutInnen sowie systemischen TherapeutInnen.

big_29415662_0_200-150Wir wissen heute, dass einige Menschen ganz am Anfang ihrer Lebensreise nicht allein im Mutterleib waren. Die ersten Tage, Wochen oder Monate waren ein oder mehrere Zwillinge mit ihnen. Das Geschwister starb dann jedoch, ging durch eine Blutung der Mutter ab oder sein Gewebe wurde von ihrem Körper resorbiert.

In der therapeutischen Regression erscheint es oft so, dass der Zwilling als Seelenbegleiter ein Stück des Wegs in die Inkarnation mitging, um den Weg auf die Erde oder das Ankommen in den ersten Wochen zu erleichtern.

Sein Verlust hat für einige der betroffenen Menschen tiefgreifende Auswirkungen auf ihr gesamtes weiteres Leben.

Im Mutterleib bleibt als Reaktion auf einen Schock/ein Trauma wie den Verlust eines überaus geliebten Wesens nur die Erstarrung, das Einfrieren. Flucht oder Kampf sind unmöglich und so reagieren Betroffene zum Teil auch später in überwältigenden Situationen mit einem früh erlernten, inzwischen habituierten Einfrieren aller Reaktionen, Empfindungen und Handlungsmöglichkeiten.

Kinder, die nach dem frühen Verlust ihres Zwillings allein geboren wurden, nennen oft ein Kuscheltier ihr eigen, an dem sie überdurchschnittlich hängen, es wird überall mit hingenommen und darf nirgendwo zurückbleiben. Es symbolisiert die Nähe, welche sie im Mutterleib erfahren haben. Kleine Kinder bis etwa zum Alter von drei Jahren erinnern sich mitunter spontan an ihre frühe Erfahrung bzw. können auch danach gefragt werden. Teilweise leiden Alleingeborene unter starken Verlustängsten oder Einsamkeit oder haben den Eindruck, immer wieder allein zurückbleiben zu müssen oder auch alles allein bewältigen zu müssen.

Die Auswirkungen des Zwillingsverlust können sehr vielschichtig sein und deshalb an dieser Stelle nicht erschöpfend beschrieben werden. Sie dauern in der Regel ein ganzes Leben lang an.

Einige davon sind weniger störend, wie wenn jemand immer unbewusst für seinen Zwilling mit einkauft oder alles doppelt besitzt. Andere können das Leben massiv beeinträchtigen, zum Beispiel in Form tief empfundener Einsamkeit, unstillbarer Sehnsucht oder Beziehungsschwierigkeiten, wenn im Partner oder der Partnerin der einst verlorene Zwilling gesucht wird. Kein Beziehungspartner wird jedoch jene bedingungslose Liebe und Innigkeit jemals erfüllen können, nach welcher der oder die Alleingeborene sucht.

Im Allgemeinen erleben es Betroffene als unglaubliche Erleichterung, wenn sie ihren früh verlorenen Zwilling in der Therapie entdecken. Plötzlich erklären sich zuvor scheinbar unerklärliche Phänomene ihres Lebens. Sie wissen endlich, wohin ihre starken Gefühle tatsächlich gehören und sie können einen heilsamen Prozess in Gang bringen, in welchem sie integrieren und alles an seinen Platz kommen kann. Der Zwilling wird nach einer Weile oftmals als besondere Ressource erlebt.

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Empfehlenswerte Bücher zum Thema:

Austermann, Alfred und Bettina, Das Drama im Mutterleib – Der verlorene Zwilling.

Barbara Schlochow, Gesucht, Mein verlorener Zwilling.